Augen auf bei vermeintlich einfach zu implementierenden Lösungen
Praktische Empfehlungen
20 Jan. 2026

5 Minuten Lesedauer
In der aktuellen KI-Euphorie wird der mögliche Aufwand für einen etwaigen Systemwechsel schnell vergessen. Cloud, Low-Code/No-Code und KI-Tools versprechen Effizienz und Agilität. In der Praxis führen sie Unternehmen jedoch immer häufiger in teure Abhängigkeiten.Stellen Sie sich vor, Sie nutzen ein technisches System oder einen Dienst, der nur mit den Produkten desselben Herstellers richtig funktioniert. Wenn Sie zu einem anderen Anbieter wechseln möchten, ist das mit großem Aufwand, hohen Kosten oder technischen Problemen verbunden – oder es ist gar nicht möglich. In einem solchen Fall spricht man von einem sogenannten Vendor Lock-in, also einer Anbieterbindung.Ein gutes Beispiel hierfür ist Apple: Geräte und Software funktionieren perfekt miteinander, aber schlecht mit Fremdprodukten. Wer von Apple-Produkten auf Android-Geräte oder Windows-PCs umsteigen möchte, muss mühsam Daten migrieren, Cloud-Speicher anderweitig sichern und einiges mehr beachten. Das mag im privaten Umfeld noch eine überschaubare Umstellung sein. In mittleren Unternehmen wird der Aufwand – finanziell wie personell – jedoch schnell sehr hoch. Daher ist es wichtig, noch vor der Entscheidung für einen bestimmten Anbieter eine End-to-End-Betrachtung durchzuführen.
Warum Vendor Lock-in mehr als ein Cloud-Problem ist
Die klassischen Hyperscaler wie AWS, Azure und GCP profitieren davon, dass ihre Cloud-Lösungen immer tiefer integriert werden. Ein Wechsel ist für den Nutzer kaum mehr möglich ohne hohe Kosten, aufwendige Datenmigration, Ausfallzeiten sowie Mitarbeitende, die auf ein neues System umgeschult werden müssen. Doch Vendor Lock-in beschränkt sich längst nicht mehr auf die Cloud.- Low-Code/No-Code-Plattformen: Einmal eingeführt, hängt der gesamte Workflow am Ökosystem des Anbieters. Proprietäre Datenformate, eigene API-Standards und fehlende Exportmöglichkeiten machen den Exit oder Wechsel teuer und riskant. Darüber hinaus ist nicht bei jedem Konnektor ersichtlich, wie Daten verarbeitet und gespeichert werden.
- KI-Startups: Viele versprechen schnelle Automatisierung und Effizienz, sind aber häufig Blackboxes ohne echte Dokumentation oder saubere Integrationslösung in die bestehende Landschaft. Ein Anbieterwechsel, nachdem die Software einmal eingeführt wurde? In der Regel sehr aufwändig.
- Preismodelle: Was zu günstigen Pilotpreisen startet, wird nach der Bindungsphase oft deutlich teurer. Alternative? Fehlanzeige, weil Migrationskosten dann für die Entscheider doch zu hoch.
KI zwischen Hype und Risiko
Im KI-Markt wird aktuell enorm viel Kapital investiert. Natürlich sind Investoren dabei ein zentraler Motor für Innovation und wirtschaftliches Wachstum. Ohne Venture Capital oder Private Equity gäbe es viele technologische Durchbrüche und Arbeitsplätze nicht. Uns muss jedoch klar sein, dass eine Investitionsentscheidung eines Kapitalgebers in ein KI- oder Cloud-Startup nicht aus Altruismus geschieht.Für Unternehmen ergeben sich daraus gleich zwei Risiken, die betrachtet und in die Entscheidung einbezogen werden müssen.Risiko 1: Das Start-up scheitert, die Technologie wird eingestellt und das eigene Prozessdesign läuft ins Leere. Es gibt keinen Support, keinen Datenzugriff und keine Perspektive. Hinzu kommt der bereits erwähnte Migrationsaufwand.Risiko 2: Das Start-up wird zum Marktführer, zieht die Preisschraube an und das vormals gute Preis-Leistungs-Verhältnis gehört der Vergangenheit an, da die Investoren ihr anfängliches Investment entsprechend ihrem Geschäftsmodell mit ausreichendem Gewinn zurückhaben möchten. Der Anbieter hat die Kunden fest im Griff. Prozesse lassen sich nicht mehr einfach migrieren, weil die Software bereits tief in die Abläufe verwurzelt ist. Die Migration ist teuer und steht in keinem gesunden Verhältnis mehr zur erreichten Wertschöpfung.Unabhängig davon verarbeiten viele Start-ups Daten auf nicht-europäischen Systemen, sodass ein Konflikt mit der DSGVO droht.KI-Projekte scheitern ohne End-to-End-Blick
KI verspricht große Effizienzgewinne. Doch das MIT hat in einer Studie herausgearbeitet, dass derzeit 95 % der Enterprise-AI-Piloten keinen messbaren ROI bringen. Die Gründe:- Falsche Erwartungshaltung: KI wird auf ineffiziente Prozesse „geklebt“ und verstärkt deshalb bereits bestehende Schwächen.
- Exponentieller Output auf mangelhaftem Input: Fehlen strukturierte Daten, wird die KI zur Daten-Müllschleuder. Unstrukturierte oder falsche Daten verstopfen das System und produzieren exponentiell schlechten Output.
- Kein End-to-End-Ansatz: Folgeprozesse geraten außer Kontrolle, wenn die Ursprungsdaten falsch verarbeitet werden – ineffiziente Prozesse skalieren ins Chaos statt in den Erfolg.
Checkliste: Wie verhindere ich einen Vendor-Lock-in?
Prüfen Sie daher vor jeder Einführung von neuen Cloud-Diensten oder KI-Tools, wie Sie Exit-Strategien von Anfang an verankern und die Kontrolle über Ihre Abläufe behalten:- Setzen Sie auf offene Schnittstellen und dokumentierte APIs.
- Vermeiden Sie proprietäre Datenformate und achten Sie auf Exportmöglichkeiten.
- Bevorzugen Sie Plattformen mit klarer Datenhoheit – idealerweise mit Hosting in der EU oder sogar mittels einer selbstgehosteten KI.
- Informieren Sie sich intensiv über Preis-, Lizenz- und Geschäftsmodelle, besonders bei Pilotprojekten und KI-Startups.
- Keine KI ohne gründliche Prozessanalyse und echten End-to-End-Blick. Automatisieren Sie nur da, wo der Prozess reif, schlank und zukunftssicher ist. Bordmittel® unterstützt Sie dabei gern.
